Für immer Lehrer!
Wir trauern um Bernhard Erkelenz. Er verstarb am 1. August 2026 im Alter von 79 Jahren in Solingen.
Es ging ihm schon länger nicht mehr gut. Trotz allem ließ er es sich nicht nehmen, uns auch weiterhin an seinem Wissen teilhaben zu lassen. Die letzte Mail zu sprachlichen Unsauberkeiten in unseren Anschreiben erhielten wir nur zwei Wochen vor seinem Tod:
„Mir ist ein Rechtschreibfehler aufgefallen.“ Er beendete die ausführliche Beschreibung mit seinem innersten Beweggrund: „M. E. müssen wir pfleglich mit der deutschen Sprache umgehen...“ Dafür hatte er jahrelang bei uns, seinen SchülerInnen, gearbeitet – und empfand eine Verpflichtung, dies auch weiterhin zu tun.
Sein Engagement hat viele SchülerInnen und sicher auch das Kollegium beeinflusst. Als einer der kommunikativsten Lehrer hielt er so lange wie möglich den Kontakt zu Ehemaligen und zur Schule. Berufsberatung? Bernhard Erkelenz kam mit Grünkernfrikadellen, um die Helfer zu versorgen und sich zu unterhalten. Ehemaligentreffen? Bernhard Erkelenz besuchte Klassentreffen und Ehemaligenveranstaltungen. Flüchtlingskindern Deutsch beibringen? Ehrensache!
Schon zu unserer Schulzeit blickte er aber über die Schule hinaus, nahm uns als Schülerzeitung beispielsweise mit zu einer Radiodiskussion des WDR in Essen, wo er auf der Bühne gegen den Krieg in Jugoslawien Stellung bezog. Auch das Tageblatt wird ihn vermissen, war er doch ein engagierter Leserbriefschreiber. Bernhard Erkelenz war meinungsstark und hatte einen klar ausgerichteten moralischen Kompass.
Über Witzeleien seiner SchülerInnen sah er großzügig hinweg. Selbst als sein Deutsch-LK seinem Wagen auf LK-Fahrt die Reifen klaute und ihn auf Backsteine aufbockte, reagierte er milde und forderte nur, die Reifen bitte wieder zu montieren. Hinter diesen Streichen steckten stets Hochachtung und Anerkennung, die man selbst in den letzten Jahren noch in Gesprächen mit Ehemaligen heraushören konnte, in denen er immer wieder Thema war.
Als Verein wie auch persönlich nehmen wir mit schwerem Herzen Abschied von Bernhard Erkelenz und werden versuchen, ihm ein würdiges Andenken zu bewahren.
Abschied von Bernhard Erkelenz
Persönliche Worte von Katja Morbiducci
Es ist kurz nach 10 und ich bin überpünktlich. Leider auch am falschen Friedhof. In meinem Kopf war die Verbindung „Bernhard – Ohligs - Friedhof“ mit der letzten Beerdigung verknüpft, auf der wir uns gesehen haben. Das war die von Dagmar Berg, und zwar auf dem Waldfriedhof. Fast sehe ich ihn noch, wie er mich bis zum Auto bringt und dann das Angebot ihn nach Hause zu fahren lächelnd ablehnt. „Die paar Schritte tun mir gut.“
Bis zum katholischen Friedhof St. Josef sind es mehr als ein paar Schritte, egal wie gut die mir täten. Außerdem regnet es. Also starte ich den Motor wieder und mache mich auf die Suche nach einem Parkplatz in Friedhofsnähe. Tatsächlich habe ich Glück, so wie einige andere. Außer mir laufen noch ehemalige Kollegen in Richtung Hackhauser Straße, und keiner von uns weiß, wo es lang geht.
Als ich dann endlich in der Reihe stehe, um mich ins Kondolenzbuch einzutragen, bin ich nicht mehr über, sondern nur noch pünktlich. In der Kapelle sind wenige Plätze frei, und das macht mich irgendwie glücklich. Viele der Anwesenden kenne ich, einige nicht, und bei manchen war mir nicht klar, dass wir Bernhard Erkelenz als gemeinsamen Nenner hatten.
Überhaupt lerne ich viel über den Lehrer, den ich selbst nie im Unterricht hatte und erst als Kollegen a.D. so richtig schätzen gelernt habe. Jemand hat sich die Mühe gemacht, ihm einen Nachruf zu schreiben. Eine liebevoll gestaltete DIN A4 Seite, die 79 Jahre Leben zusammenfasst und die mich erst ein bisschen schmunzeln lässt, weil sie so an Schule erinnert, und mir dann doch feuchte Augen macht. Wegen der vielen Dinge, die ich so nicht wusste. Wegen der Liebe, die da jemand empfunden hat. Wegen des Verlustes, der mir schon beim Lesen das Herz schwer und leicht zugleich macht. Wie muss der Mensch sich gefühlt haben, der das geschrieben hat?
Die Trauerfeier macht ihrem Namen alle Ehre, aber immer nur getrennt von ihren Einzelnomen. Der Pfarrer kannte Bernhard, und manchmal ist seine Stimme ein bisschen belegt. Da kommt die Trauer durch. Im Namen des Kollegiums sagt Frau Scherler ein paar Worte, die in der Klangfarbe denen des Pfarrers ähneln – Trauer gemischt mit Freude. Er ist jetzt nicht mehr hier. Aber wir hatten Zeit mit ihm. Das ist eindeutig der Teil, der gefeiert gehört.
Dann kommt der Teil, den ich nie mag. Wir alle halten inne und denken an unsere eigenen Erinnerungen, während ein warmer Bariton vom Band „Möge die Straße uns zusammenführen“ singt. Klingt fast wie Reinhard Mey, ist er aber nicht. „Mensch, Katja, reiß dich zusammen“, höre ich Bernhards Stimme und muss grinsen. „Du hast eine Aufgabe bekommen. Kümmere dich da jetzt erstmal drum.“
Ja, ist ja schon gut. Aus dem Grinsen wird ein Lächeln, das mir immer noch unangebracht erscheint, aber als ich mich verstohlen umsehe, lächeln auch viele der anderen. Gute Erinnerungen, überall um mich herum.
Als die Deutsch Seiteneinsteigerklasse am Vogelsang noch in den Kinderschuhen steckte und wir alle nicht so genau wussten, wie man da am besten hilft, da war Bernhard auf einmal da. Ehrenamtlich. Als Sprachexperte. Und ich war … nicht übermäßig begeistert zu Beginn. Wenn man selbst Seiteneinsteiger in den Lehrberuf ist, und auch noch ehemalige Schülerin, dann fällt es schwer in dem Kollegen die Unterstützung und nicht den überlegenen Experten zu sehen. Ich wusste nicht, wie ich ihn ansprechen oder mit ihm umgehen sollte.
Kann ich ihm jetzt sagen, mit welchen Schülern er was machen soll? Ist das nicht übergriffig? Es war angespannt und mühselig und nicht immer einfach. Für uns beide nicht. Ab und an hat es gekracht. Wenn ich das Gefühl hatte, er versteht nicht, was die Kids brauchen, weil er nie eine Fremdsprache unterrichtet hat. Wenn er mir vorwarf, mein Anspruch an die Schüler wäre nicht hoch genug. Heute weiß ich, da waren wir schon ziemlich weit, denn sonst hätten wir uns nicht in die Haare bekommen. Dann hätte ich mir das Ruder aus der Hand nehmen lassen. Aber er wollte das Ruder nie. Er wollte einfach da sein. Nicht mal gebraucht werden, aber helfen.
Ich erinnere mich an Momente, in denen ich mich auf der Toilette vor ihm versteckt habe, weil ich in der Pause fünf Minuten Ruhe haben wollte, ohne eine weitere Bernhard-Anekdote oder ein Rezept für Grünkernbällchen oder eine philosophische Grundsatzdebatte. Und ich erinnere mich auch daran, wie ich ihm genau das ein Jahr später erzählt habe und er sich vor Lachen an seinem Kaffee verschluckt hat. Ich erinnere mich an Corona, als er nicht mehr kommen durfte. An die Anrufe am Nachmittag. „Weißt du, wie es den Schülern geht? Sind alle gesund? Kann ich helfen? Brauchst du irgendwas?“ An das Schuljahr, in dem klar war, dass er nicht wieder zurückkommt, auch nicht ehrenamtlich oder aushilfsweise. Ruhig war es da im Lehrerzimmer. Also, so ruhig, wie es in einem Lehrerzimmer eben sein kann. Er war nicht da, und das war auch okay, aber gefehlt hat er trotzdem.
Auf meinem DIN A4 Blatt mit dem Nachruf sind plötzlich Flecken und ich stelle erstaunt fest, dass ich wohl weine. Der Pfarrer fragt, ob noch jemand ein paar Worte sagen möchte. Ja, eigentlich schon. Aber welche von den vielen? Und wie, ohne zu viel Trauer und zu wenig Feier dabei zu haben?
„Na, komm schon. Genau das haben wir immer geübt. Worten freien Lauf lassen, auch ohne Zettel in der Hand. Es kommt, wie es kommt.“ Ach Bernhard, heute nicht.
Am Grab ist es still, da überwiegt die Trauer. Aber danach ziehen sich die Vogelsänger zusammen wie Öltropfen im Wasser. Wer kommt noch mit auf einen Kaffee? Über Bernhard reden. Über Leserbriefe und Konferenzen und Grünkernbällchen und selbst gebrautes Bier. Über wilde Ideen und disziplinierte Konzepte, über so viel Leben, das er beeinflusst hat.
Das wird wohl mehr als einen Kaffee brauchen.